Zufällig fällig. 

Eine Begegnung mit Max Kosta.

Prolog

Montage sind keine Tage. Montage sind Zustände.

Ich hasse Montage.

Es ist doch immer dasselbe: Das Wochenende steckt einem aus verschiedensten Gründen noch in den Knochen, die Zeit rennt, als hätte sie keinerlei Interesse daran, eine neue Woche wenigstens halbwegs entspannt zu beginnen, und sowieso scheinen alle schlechter gelaunt zu sein als an einem Donnerstag. Von Freitag ganz zu schweigen.

Ich wollte um zehn Uhr in Erfurt sein.

Pustekuchen.

Die Deutsche Bahn bleibt die letzte konstant planbare Unzuverlässigkeit im Chaos eines Wochenbeginns. Und so finde ich mich deutlich später als vorgesehen auf einem Gelände neben dem Hauptbahnhof der viel gelobten thüringischen Landeshauptstadt wieder.

Mein ursprünglicher Plan war einfach gewesen. Zumindest auf dem Papier.

Vertreter aus Politik, Entwicklungsgesellschaft und Architektenkammer sollten mir erklären, was sie mit dem sogenannten Bahnhallenquartier vorhaben. Es sollte um Investorenpläne gehen, um Stadtentwicklung, um neue Nutzungen für alte Gebäude und vermutlich auch um jene Wörter, die bei solchen Terminen zuverlässig fallen: Potenziale, Synergien, Quartiersentwicklung.

Ein unkomplizierter Artikel.

Auch so ein Montagstraum.

Die Gesprächspartner sind längst weitergezogen. Die Termine zerplatzt. Und mit ihnen meine Hoffnung, diesen Text ohne größere Umwege erledigen zu können.

Also stehe ich nun in einer Brache, über die andere Menschen offenbar sehr lange und sehr ernsthaft nachdenken.

Rostige Tore. Abgenutzte Hallen. Asphalt, Staub und jene eigentümliche Mischung aus Verfall und Erwartung, die Orte ausstrahlen, bei denen noch niemand genau weiß, was sie einmal werden sollen.

Nur scheint die Kultur hier bereits eingezogen zu sein, während die Stadtplanung noch ihre Ordner sortiert.

Man verkauft Essen und rettet durstige Kehlen wie die meine vor dem sicheren Tod durch Dehydration. Nett.

Zwischen den Hallen liegt ein kleiner Platz mit Bühne, Gastronomie und etwas, das man mit Wohlwollen als Parkatmosphäre bezeichnen kann. Ein paar Tische, Pflanzen, Menschen mit Getränken in der Hand.

Sicherlich kein revolutionäres Konzept. Aber liebevoll.

Und vor allem deutlich weniger affektiert als jene Orte, an denen drei Palettenmöbel, eine Lichterkette und ein schlecht gezapftes Craftbeer beweisen sollen, dass jetzt irgendetwas urban ist.

Ich habe gerade beschlossen, meinen Montag mit einem kalten Getränk zu versöhnen, als jemand neben mir auftaucht.

„Kannst du mal kurz rutschen?“

Ich sehe ihn an.

„Bitte.“

Ein junger Typ mit hochgekrempelten Ärmeln steigt auf den Tisch vor mir. Ohne weitere Erklärung. Dann richtet er sein Telefon auf einen Turm am anderen Ende des Geländes und fotografiert ihn aus verschiedenen Winkeln.

Ich rutsche also.

Er fotografiert.

Und weil man Menschen, die auf Tische steigen, früher oder später ohnehin fragen muss, was sie da tun, kommen wir ins Gespräch.

Sein Name ist Max Kosta.

Künstler. Sprüher. Unternehmer.

Und offenbar jemand, der dieses Gelände nicht nur als Kulisse für ein Getränk am Montagnachmittag betrachtet.

Er plant hier ein Urban-Art-Festival.

YARD WALLS.

Internationale Künstlerinnen und Künstler sollen kommen. Große Fassaden bemalen. Es soll Musik geben, Workshops, Führungen und Graffiti entlang der Bahntrassen – sofern die Deutsche Bahn irgendwann beschließt, ausnahmsweise Teil einer Lösung zu sein.

Wir sprechen nur ein paar Minuten. Über Wände. Über Erfurt. Über alte Industriehallen.

Über die merkwürdige Idee, ausgerechnet an einem Ort, an dem jahrelang wenig passiert ist, plötzlich sehr viel passieren zu lassen.

Dann sagt Kosta einen Satz, den ich mir notiere.

„Die Zeit war einfach reif.“

Es ist einer dieser Sätze, die Menschen gerne verwenden, wenn sie im Nachhinein erklären wollen, warum etwas zwangsläufig geschehen musste.

Bei ihm klingt es allerdings weniger nach Rückschau als nach Drohung.

Wir verabreden uns für ein ausführlicheres Gespräch in seinem Atelier, nur wenige Minuten von hier entfernt.

Mein geplanter Artikel über Investoren, Stadtentwicklung und Architekten ist damit endgültig erledigt.

Stattdessen werde ich ein paar Tage später einem ehemaligen illegalen Sprüher gegenübersitzen, der heute Genehmigungen einholt, Sponsoren überzeugt und mit Behörden über Hebebühnen spricht.

Vielleicht ist das die bessere Geschichte.

Montage irren sich halt auch nicht immer.

Kapitel 1

Menschen, die freiwillig so etwas organisieren, haben entweder einen Plan. Oder einen kleinen Schaden.

Ich frage Max, wie oft er in den vergangenen Monaten dachte, dass dieses Festival scheitern könnte.

Ich rechne mit einer diplomatischen Antwort.

Irgendetwas zwischen „Natürlich gab es Herausforderungen.“ und „Wir schauen optimistisch nach vorne.“

Stattdessen sagt er:

„Täglich.“

Nicht dramatisch. Nicht gespielt. Einfach so.

Als würde er erzählen, dass montags die Müllabfuhr kommt.

Dann lacht er. Und plötzlich ergibt dieser Satz Sinn.

Es ist kein Lachen, das Unsicherheit überspielt.

Es ist das Lachen eines Menschen, der akzeptiert hat, dass große Ideen und Zweifel vermutlich im selben Auto anreisen.

„Wir pushen uns gegenseitig“, sagt er.

„Ich glaube, wir sind einfach grundoptimistisch.“

Das Wort gefällt mir.

Nicht Optimisten.

Grundoptimisten.

Als wäre Hoffnung keine Stimmung, sondern eine Werkseinstellung.

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Ich schaue mich im Atelier um.

Leinwände. Skizzen. Farbreste. Dosen.

Alles wirkt benutzt.

Nichts sieht danach aus, als wäre es für Besucher arrangiert worden.

Ich mag solche Ateliers.

Sie erzählen meistens mehr über Menschen als deren Lebenslauf.

Es gibt diese romantische Vorstellung vom Künstler. Er malt. Hat eine Idee.

Die Welt applaudiert.

So funktioniert das Leben von Max Kosta ungefähr überhaupt nicht.

Während wir sprechen, organisiert er parallel Eigentümergespräche, beantwortet E-Mails, telefoniert mit Behörden, spricht mit Sponsoren, plant Hebebühnen, Künstlerreisen und Stromanschlüsse.

Und irgendwo dazwischen versucht er noch, selbst Künstler zu bleiben.

Auf einem Tisch liegen Entwürfe für Fassaden. Daneben Listen. Telefonnummern. Notizen.

Irgendwo steckt ein Post-it zwischen zwei Skizzen.

Festivalplanung sieht erstaunlich analog aus.

Wer Max Kosta trifft, merkt schnell: Er spricht selten zuerst über sich selbst.

Lieber über Ideen. Über Orte. Über Menschen. Und über Möglichkeiten.

Also: Warum also macht man das? Das verbrennt doch im Wesentlichen nur Kohle?

Kosta schaut kurz aus dem Fenster. Dann wird seine Antwort leiser.

„Finanzielle Aspekte spielen natürlich eine Rolle. So ein Festival kostet unglaublich viel Geld und ich lege privat beziehungsweise aus betrieblichen Mitteln auch einiges drauf.“

Kurze Pause.

„Aber für mich ist das vor allem eine Form des Zurückgebens.“

Zurückgeben?

„Ich verdanke dieser Szene, den Menschen und auch dieser Stadt unglaublich viel. Wenn ich heute die Möglichkeit habe, etwas zurückzugeben, dann möchte ich das tun.“

Das klingt weniger nach Geschäftsmodell als nach Verpflichtung. Ich schreibe den Satz auf.

Und streiche ihn wieder.

Nicht weil er schlecht wäre. Sondern weil er sich nach einer Floskel liest.

Bis ich merke, dass er bei Max gar keine ist. Er meint ihn genau so.

Vielleicht ist das der Unterschied.

Es gibt diesen Moment im Gespräch, in dem man fast vergisst, wer da eigentlich vor einem sitzt.

Denn derselbe Mensch, der heute mit Eigentümern, Förderstellen und Stadtverwaltung telefoniert, verbrachte seine Jugend auf völlig anderen Wegen.

Nicht in Sitzungssälen. Sondern zwischen alten Industriegebieten.

Zwischen Orten, an denen niemand fragte, ob etwas erlaubt war.

Heute organisiert er Genehmigungen.

Damals ging es mehr um ungefragte Aktionen.

Ist das nicht ein Widerspruch?

Kosta grinst.

„Oh man …“

Lange Pause.

„Ich versuche eigentlich immer noch genau der zu bleiben, der Lücken im System sieht.“

„Vermisst du etwas von damals?“ Ich rechne mit einer Geschichte über nächtliche Touren.

Über Adrenalin. Über Freiheit.

Er schüttelt den Kopf.

„Eigentlich nicht.“ Was ihm eher fehlt, überrascht.

„Ich vermisse manchmal diese kollektiven Momente.“

Welche?

„Zusammen abhängen. Ideen schmieden. Und sie einfach machen.“

Er lacht und zeigt auf die Festivalpläne.

„Eigentlich findet sich genau das heute wieder – nur eben in der Organisation des Festivals.“

Vielleicht ist das der eigentliche Wandel. Nicht vom illegalen zum legalen Sprüher.

Sondern vom Einzelnen zum Kollektiv.

YARD WALLS wirkt über weite Strecken wie genau das.

Nicht das Festival eines Künstlers. Sondern das Projekt vieler Menschen, die irgendwann beschlossen haben, dass Erfurt bereit dafür ist.

Oder wie Max es später formulieren wird:

„Die Zeit war einfach reif. Die Menschen auf den entscheidenden Stühlen haben heute einen anderen Spirit. Und plötzlich hatten wir das Gefühl, viele haben genau auf diese Frage gewartet: Wollen wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen?“

Das gefällt mir. Nicht, weil es besonders klug klingt.

Sondern weil ich ihm glaube.

YARD WALLS wirkt plötzlich nicht mehr wie ein Festival.

Sondern wie der Versuch, genau diese kollektive Energie wieder sichtbar zu machen.

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Kapitel 2

Die schönsten Orte einer Stadt sind meistens die, über die niemand spricht.

Es gibt Städte, die sind fertig. Zumindest behaupten sie das.

Alles hat seinen Platz. Alles ist gestaltet. Alles erklärt.

Und dann gibt es diese anderen Orte.

Zwischenräume. Brachen. Grundstücke, die in Exposés gern als Entwicklungspotenzial bezeichnet werden und im Alltag einfach aussehen, als hätte man sie vergessen.

Ich frage Max, warum ausgerechnet hier.

Warum nicht die Krämerbrücke? Warum nicht den Domplatz?

Warum nicht irgendeinen Ort, den ohnehin jeder fotografiert?

Er lächelt.

„Weil das absurd wäre. Es sind doch genau diese Orte die interessieren.“

So einfach.

„Das Bahnhallenquartier ist eigentlich die letzte große Brache mitten in Erfurt.“

Er sagt Brache mit einer Zuneigung, die man normalerweise höchstens für den eigenen Hund reserviert.

„Als ich angefangen habe zu sprühen, waren das genau die Orte, die uns angezogen haben.“

Warum?

„Weil sie offen waren.“

Keine Erwartungen. Keine Postkartenidylle. Nur Raum.

Vielleicht ist genau das der Unterschied.

Viele Menschen suchen schöne Orte. Künstler suchen wahrscheinlich unvollständige.

Weil dort noch Platz für eine Geschichte ist.

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Ich muss an Städte denken. Nicht an Erfurt. Allgemein an Städte. An alle.

Vielleicht verrät der Umgang mit ihren Brachen mehr über eine Stadt als der Zustand ihrer Altstadt.

Historische Fassaden erzählen, was einmal gewesen ist. Brachen erzählen, was geschichtlichnoch nicht abgeschlossen ist. Wo noch was geht. 

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Kapitel 3

Vielleicht war nicht die Idee neu. Vielleicht war nur endlich die Zeit dafür gekommen.

Ich habe inzwischen den Eindruck, dass YARD WALLS erstaunlich selbstverständlich wirkt.

Als hätte es das Festival schon immer geben müssen. Das ist meistens ein gutes Zeichen.

Die besten Ideen sehen im Nachhinein oft so aus, als wären sie unvermeidlich gewesen.

Ich frage Max trotzdem.

„Warum jetzt?“

Er lehnt sich zurück.

„Weil die Zeit reif war.“

Ich hake nach. Das klingt mir zu einfach.

Er nickt.

„Vor ein paar Jahren wäre das wahrscheinlich noch schwieriger gewesen.“

Nicht, weil Künstler gefehlt hätten. Nicht, weil Eigentümer grundsätzlich dagegen gewesen wären. Sondern weil viele Dinge gleichzeitig passieren mussten.

Menschen. Netzwerke. Vertrauen.

Und vielleicht auch ein bisschen Mut.

„Ich glaube, auf vielen entscheidenden Stühlen sitzen heute Menschen mit einem anderen Spirit.“

Ein Satz, über den ich später noch länger nachdenken werde.

Wir sprechen ständig darüber, dass Städte sich verändern.

Vielleicht verändern sich aber zuerst die Menschen, die Entscheidungen treffen.

Und irgendwann verändert sich dadurch die Stadt.

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„Wann hast du gemerkt, dass daraus wirklich etwas werden könnte?“, frage ich.

Diesmal lacht Max sofort.

„Als plötzlich alle Lust hatten.“ (wirkt irritiert)

„Das war ehrlich gesagt meine größte Überraschung.“

Keine Heldengeschichte. Keine Überzeugungsarbeit. Keine Erzählung vom einsamen Visionär.

Stattdessen sagt er:

„Ich hatte manchmal das Gefühl, viele haben einfach darauf gewartet, gefragt zu werden.“

Vielleicht schlummern in jeder Stadt Ideen. Und manchmal fehlt nur jemand, der laut genug fragt:

Machen wir das jetzt einfach?

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Kapitel 4 – Ein paar Fragen

Ich gehe in eine kurze Fragerunde mit Kosta zu YARD WALLS selbst.

Was sagst du zu “Das sind doch bloß Instagram-Wände.”!

Er lächelt. Nicht genervt. Nicht beleidigt. Fast erleichtert.

„Eigentlich gar nichts. Weil das weder unseren Ansatz beschreibt noch den der Künstlerinnen und Künstler.“

Dann grinst er.

„Und gleichzeitig finde ich es völlig okay, wenn Menschen das so sehen möchten.“

Wirklich?

„Na klar.“ Er lacht.

„Gott sei Dank darf das jeder selbst beurteilen.“

Es ist eine bemerkenswert unaufgeregte Antwort. Keine Rechtfertigung. Kein kulturtheoretischer Monolog.

Kein Versuch, alle überzeugen zu müssen.

Vielleicht ist genau das Freiheit. Nicht alle Meinungen verändern zu wollen.

Wer entscheidet eigentlich, welche Künstler nach Erfurt kommen?

„Das Schöne an Teamarbeit ist, dass sie ziemlich demokratisch sein kann. Ich bin am Ende nur eine Person von Vielen mit persönlichen Vorlieben.“

Gesucht werden Kontraste. Verschiedene Handschriften. Verschiedene Länder. Verschiedene Generationen.

„Uns ging es um ein breites Spektrum zeitgenössischer Positionen.“

Und noch etwas sei ihnen wichtig gewesen.

„Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Geschlechtern, Nationalitäten und regionalem Engagement.“

Wenn alles klappt, werden Anfang September etwa fünfzehn internationale Muralistinnen und Muralisten in Erfurt arbeiten. Kommt die Freigabe der Deutschen Bahn hinzu, wächst die Zahl der beteiligten Sprüherinnen und Sprüher auf rund sechzig.

Was wäre für dich persönlich eigentlich eine Niederlage? Nicht für das Festival. Für dich.

Er denkt länger nach als bisher. Es wird still.

Dann sagt er etwas, womit ich nicht gerechnet habe.

„Wenn sich Menschen ausgeschlossen fühlen.“

Nicht: Zu wenig Besucher.

Nicht: Zu wenig Geld.

Nicht: Zu wenig Presse.

Sondern genau das.

„Alles andere kann ich gut verkraften.“

Er zuckt mit den Schultern.

„Wetter können wir nicht beeinflussen. Geld ist bei einem Festival, das ohnehin rote Zahlen schreibt, irgendwann fast nebensächlich.“

Dann kommt der Satz, der wahrscheinlich erklärt, warum es YARD WALLS überhaupt gibt.

„Mir geht es darum, Menschen zu verbinden und ihnen Partizipation zu ermöglichen.“

Partizipation.

Ein Wort, das in Förderanträgen immer so verdasmmt leblos klingt.

Bei ihm klingt es wie eine Einladung.

Es gibt eine Frage, die Max offenbar häufiger gestellt bekommt.

Was würdest du einem Jugendlichen sagen, der heute genauso anfängt wie du damals?

Mit Talent, Neugier, mit einer Dose. Vielleicht auch mit illegalen Bildern. Und er sagt:

“Ich will Künstler werden.”

Was antwortest du?

„Melde dich mal die Tage.“ Er lacht.

Dann wird er ernst.

„Das passiert tatsächlich ziemlich häufig.“

Und jedes Mal nehme er sich Zeit. Keine Floskeln. Keine erhobenen Zeigefinger.

„Ich würde ihn wahrscheinlich erst einmal zu mir ins Atelier einladen.“

Warum?

„Weil man Menschen nicht durch Ratschläge kennenlernt.“

Er möchte sehen, wie jemand denkt und wie jemand arbeiten will – Wie jemand Fragen stellt.

Und dann würde er ihm etwas sagen, das überraschend wenig mit Technik zu tun hat.

„Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Ort zum Lernen als genau diese Tage beim Festival. Einfach weil dort plötzlich fünfzehn internationale KünstlerInnen arbeiten.“

Man könne zuschauen. Fragen stellen. Helfen. Diskutieren. Netzwerke knüpfen.

Oder einfach nur stundenlang beobachten. Vielleicht beginnt genau dort die nächste Generation.

Du bist Künstler. Unternehmer. Veranstalter. Aktivist.

Wer davon bist du eigentlich am liebsten?

„Ich glaube Künstler. Wegen der Freiheit“

Dann zählt er Dinge auf, die vermutlich nur Künstler als Privileg empfinden.

Zu spät kommen.

Unkonventionell reden.

Dinge anders machen.

Nicht immer in Schubladen passen.

„Diese Narrenfreiheit mag ich tatsächlich.“

Es ist ein schönes altes Wort. Narrenfreiheit.

Vielleicht beschreibt es den Beruf besser als Kreativität.

Denn wer Kunst macht, darf manchmal Fragen stellen, die andere sich gar trauen würden zu stellen.

Spätestens jetzt landen wir bei einem Thema, das sich durch fast alle Arbeiten von Max Kosta zieht.

Vergänglichkeit.

Er hat dieses Jahr erstmalig eine Ausstellung in Eisenach konzipiert und diese hieß nicht zufällig Vergänglichkeit.

Viele seiner Arbeiten handeln davon.

Und auch YARD WALLS stellt dieselbe Frage. Nur in größer.

Was bleibt am Ende?

Die Wand? Oder die Geschichte?

Er schaut kurz nach draußen. Fast so, als läge die Antwort irgendwo zwischen den Häusern.

„Philosophisch betrachtet ist das schwierig.“

Dann nickt er.

„Ich glaube, es bleiben die Erinnerungen. Die Bilder sind eher ein gedanklicher Anker.“

Wofür?

„Für Geschichten.“ – Menschen erzählen. Zeigen Fotos. Erinnern sich. Treffen jemanden wieder. Und formen kollektive Wahrnehmung.

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Kapitel 5

Freiheit ist ein erstaunlich missverstandenes Wort.

Früher oder später landen wir zwangsläufig beim Thema Graffiti. Genauer gesagt bei der Frage, die ungefähr so alt ist wie Graffiti selbst.

> Ist das überhaupt noch Graffiti, wenn es genehmigt ist? <

Wenn Sponsoren dabei sind. Wenn Rechnungen geschrieben werden. Wenn Hebebühnen bestellt werden.

Wenn evtl. Politiker zur Eröffnung kommen oder Menschen sich damit schmücken wollen.

Max hört sich die Frage an. Er antwortet nicht sofort.

Dann sagt er nur ein Wort.

„Nein“

Ich warte. Er redet weiter.

„Für mich geht es beim Graffiti darum, Zeichen zu hinterlassen.“

Nicht um Strafanzeigen. Nicht um Instagram. Nicht um Verkauf. Nicht einmal um Rebellion.

„Ob etwas legal oder illegal ist, beschreibt allerhöchstens den Rahmen. Das Spielfeld“

Kurze Pause. „ Aber nicht die Idee.“

Das ist ein Gedanke, über den man länger nachdenken kann.

Vielleicht definieren wir Kunst viel zu oft über ihre Umstände.

Und viel zu selten über ihre Absicht.

„Ich brauche heute weder den rebellischen Impuls noch das Geld, um malen zu wollen.“

Er sagt das völlig unspektakulär.

Fast beiläufig.

„Ich male, weil ich malen möchte.“

Vielleicht ist genau das Freiheit. Nicht gegen etwas zu arbeiten.

Nicht für etwas.

Sondern aus einem inneren Grund heraus.

Ein Gedanke, der weit über Graffiti hinausreicht.

Man könnte dieses Interview jetzt mit Besucherzahlen beenden.

Mit Künstlernamen.

Mit Programmpunkten.

Mit Uhrzeiten.

Natürlich werden Anfang September internationale Künstlerinnen und Künstler nach Erfurt kommen.

Natürlich entstehen riesige Wandbilder.

Natürlich wird es Musik, Workshops und Führungen geben.

Und natürlich lohnt sich ein Besuch.

Aber all das wäre nur die Oberfläche.

Epilog

Manche Geschichten enden nicht dort, wo sie aufhören.

Ein paar Stunden nach unserem Gespräch laufe ich noch einmal zum Bahnhallenquartier.

Nicht, weil ich etwas vergessen hätte.

Sondern weil mich interessiert, ob Orte sich verändern können, bevor überhaupt etwas gebaut wurde.

Es ist erstaunlich ruhig. 

Ein paar Menschen trinken Kaffee. Jemand schiebt ein Fahrrad über das Gelände.

Aus einer Halle hört man Musik.

Sonst passiert… nichts. Oder zumindest fast nichts.

Ich bleibe eine Weile stehen.

Dort, wo Max wenige Tage zuvor beschrieben hat, wo bald Hebebühnen stehen sollen, wo Wände bemalt werden. Wo Kinder Künstlern beim Arbeiten zusehen können.

Wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die sich ohne dieses Festival wahrscheinlich nie begegnet wären.

Im Moment ist davon noch rein gar nichts zu sehen.

Und trotzdem wirkt der Ort anders.

Vielleicht, weil ich inzwischen weiß, was hier passieren könnte.

Vielleicht genügt manchmal schon eine Idee, um einen Ort zu verändern.

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Mir fällt wieder ein Satz aus unserem Gespräch ein. Nicht der über Graffiti.

Nicht der über Freiheit.

Sondern der über Niederlagen.

“Wenn sich Menschen ausgeschlossen fühlen.”

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass dieser Satz wahrscheinlich viel mehr über YARD WALLS erzählt als jedes Programmheft. Es geht nie nur um Kunst.

Denn je länger das Gespräch dauerte, desto klarer wurde:

YARD WALLS ist kein Festival über Kunst oder Farbe.

Es ist ein Festival über Möglichkeiten.

Es geht um Teilhabe. Um Begegnungen.

Um das Gefühl, dass Stadt nicht etwas ist, das anderen gehört. Sondern uns.

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Als ich das Gelände verlasse, fällt mir auf, dass ich an diesem Montag eigentlich einen völlig anderen Artikel schreiben wollte. Über Investoren und Quartiersentwicklung. Über Stadtplanung. Thüringen. Erfurt.

Stattdessen habe ich mit einem ehemaligen Sprüher über Freiheit gesprochen. Über Verantwortung.

Und  Erinnerungen.

Und über die erstaunliche Fähigkeit von Menschen, in einer grauen Wand etwas zu sehen, das noch gar nicht existiert.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Unterschied.

Die meisten von uns sehen Städte, wie sie sind. Einige wenige sehen Städte, wie sie werden könnten. Und verbreiten diese Vision ungefragt in den Köpfen von anderen. 

Und manchmal reicht nur das schon, damit sich etwas verändert.

DIN 2607

///James DIN schreibt über Kunst, Stadt und die Menschen dazwischen.///

Redaktioneller Hinweis: Das Gespräch wurde aus einem ausführlichen Sprachinterview entwickelt und mithilfe künstlicher Intelligenz redaktionell verdichtet. Aussagen und inhaltliche Positionen von Max Kosta wurden nicht verändert.